Bushido: Der Weg des Spießers

Als Bushido anno 2009 den Integrationspreis bekam war ich nicht dagegen. Er hat sich perfekt in die Gesellschaft integriert. Zum einen ökonomisch als Musiker und Immobilienspekulant, aber vor allem in Bezug auf sein Weltbild. Sexismus, Homophobie, Gewaltverherrlichung und Antisemitismus sind keine Werthaltungen, die sich auf extremistische Kreise beschränken, sondern stammen direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft. Die Verhöhnung der ökonomisch Schwachen durch die ökonomisch Starken, das Glorifizieren des sozialen Aufsteigers, der das herrschende Recht des Stärkeren rücksichtslos anwendet: das ist nicht deutscher Rap, sondern Realität im Kapitalismus.

Da passt jene Episode gut dazu, die Bushido hierzulande erst über das Milieu hinaus bekannt machte. 2005 wurde sein Auto – das wichtigste Statussymbol des ökonomischen Aufsteigers! – in Linz beschädigt. Bushido schaffte es gemeinsam mit zwei Helfern den mutmaßlichen Täter, einen 19-jährigen, zu verprügeln. Gangstarap? Nein, Spießertum in Reinkultur. Und das zieht sich durch den  Lebens-„Weg des Kriegers“. Da mahnt er zwar gerne Privatpersonen ab und will Geld, wenn mal ein Track auf einer Internettauschbörse landet, klaut aber selbst reihenweise bei KollegInnen (er ist deswegen auch rechtskräftig verurteilt). Er hält sich für den „Staatsfeind Nr. 1“ und absolviert 2012 ein Praktikum im Bundestag bei einem Politiker der CDU, mit der er seine wertkonservativen Ansichten teilt. Freundlicherweise blieben bei seinen jüngsten Tiraden gegen PolitikerInnen auch jene der CDU/CSU außen vor. 2010 durfte der Staatsfeind sogar die offizielle Hymne der deutschen Nationalmannschaft zur Fußball-WM, „Fackeln im Wind“, trällern. Ein Höhepunkt in einem deutschen Spießerleben, so was von integriert!

Da blieb aber ein Problem: Das patriotische Gedöns von „Fackeln im Wind“ war seine bisher letzte Top Ten-Platzierung in den Singlecharts. Die Alben schafften zwar bessere Einstiege, in Stückzahlen gemessen ging deren Verkauf aber auch zurück. Die Marginalisierten hatten sich von Bushido ab- und glaubwürdigeren Rappern zugewandt. Zudem kauften sie nur ungern Musik, die über Tauschbörsen frei erhältlich ist. Noch schwerwiegender: Bushidos eigenes Label, „ersguterjunge“, steckt vermutlich stark in der Krise. Nach dem Abgang der Stars wie Eko Fresh, Fler oder Kay One blieben 2013 überhaupt nur mehr der Meister himself und der noch wenig bekannte Shindy über. Dass der umstrittene Bushido-Track „Stress ohne Grund“ nun auf einer Shindy-CD erschien soll wohl dessen bis dato eher laue Karriere befeuern. Wenn es in der Firma kriselt, werden die „Werbebotschaften“ aggressiver. Der Stress hat also durchaus Grund.

Radiobeitrag zu „Blut muss fliessen“

Die KUPFradioshow wirft einen Blick auf die rechtsextreme und brauntoneklein2neonazistische Szene, besonders darauf, welchen Einfluss rechte Musik hat und wie Jugendkulturen und in weiterer Folge auch die Alltagskulturen bis in die Mitte der Gesellschaft beeinflusst werden.

Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ ist der Dokumentarfilm von Peter Ohlendorf, in dem ein Journalist unter dem Pseudonym Thomas Kuban in die Neonazi-Szene eintaucht. Mit versteckter Kamera hat er über sechs Jahre bei ca. 60 Neonazi-Konzerten die Stimmung eingefangen – vor allem in Deutschland, aber auch zum Beispiel in Italien, Ungarn und Österreich.

Außerdem steht im Fokus des Films der Umgang von Medien und Behörden mit Rechtsextremismus.

Anfang Mai wurde der Dokumentarfilm in den neuen Kinosälen des Programmkino Wels gezeigt. Im Anschluss daran gab es eine Diskussion. Ausschnitte daraus sind in der Sendung zu hören. Mit Hanna Mayer vom Programmkino sprachen Regisseur Peter Ohlendorf und Rechtsextremismus-Experte Thomas Rammerstorfer über den Film und über die Neonaziszene – insbesondere über die Situation in Österreich, die im Film selber nur kurz angeschnitten wird.
Hier zu hören:

http://cba.fro.at/112571

Zur Info

Liebe Leute, da die homepage in den nächsten Tagen inhaltlich umgekrempelt wird, findet ihr bereits jetzt hier auch Texte, die nicht unbedingt zum eigentlichen Thema „Brauntöne“ passen. Falls wer ein Problem damit hat, ersuche ich um Vergebung.

Redebeitrag bei der Gezi-Park-Soliveranstaltung am 6. Juli in Linz

Ich danke euch sehr für die Möglichkeit hier einige Sätze zu sagen. Ich habe die Freude gehabt, Anfang Juni in der Türkei – wenn auch nur als Tourist in Bodrum – ein bisschen etwas vom Duft der Revolution zu kosten.

Nach meiner Rückkehr wurde ich sehr schnell auf den Boden – auf den tiefen, tiefen Boden – der österreichischen Realpolitik zurück geholt. Der ORF lud den rechtsextremen Andreas Mölzer als Türkei Experten. „Grüne“ Politiker träumten von der Abschiebung von AKP-Anhängern oder davon, Menschen aus der Türkei vor der Verleihung der Staatsbürgerschaft besonders zu überwachen. Unser „Integrationsstaatssekretär“ Sebastian Kurz möchte unseren MitbürgerInnen aus der Türkei überhaupt das Demonstrationsrecht, einen Grundpfeiler der Demokratie, absprechen.
Zu den AnhängerInnen der AKP möchte ich sagen: Wir sollten mit Worten um ihre Köpfe und ihre Herzen kämpfen. Nicht mit Drohungen. Durch Drohungen macht man niemand zu einen Demokraten.

Die Kommentare der österreichischen Politiker zeigten generell ein strohdummes Schwarz-Weiß-Denken. Und sie sind verlogen: Während man die Türkei vorderhand kritisiert, und gegen TürkInnen polemisiert, unterstützt man ihren Repressionsapparat mit Auslieferungen und Abschiebungen angeblicher „linker Terroristen“ – wie im Fall des Ali Yesil, wie im Fall des angeblichen DHKP-C-Mitglieds aus Wien, der vor einer guten Woche von der österreichischen Polizei verhaftet wurde. An dieser Stelle möchte ich fordern, dass überhaupt keine Menschen mehr an die Türkei ausgeliefert oder abgeschoben werden, schon gar nicht wegen angeblicher politischer Delikte!

Auch die kurdische und türkische Linke muss aus ihren Fehlern der Vergangenheit lernen. Der Dogmatismus und die Engstirnigkeit der Vergangenheit haben ihre Niederlagen herbeigeführt und die Feinde der Menschlichkeit triumphieren lassen. Wenn ich die heutigen Bewegungen betrachte, sehe ich viel Hoffnung: Die Entwicklung der kurdischen Bewegung weg vom Nationalstaatsdenken hin zu neuen Konzepten wie dem „demokratischen Konföderalismus“; und jetzt die Gezi-Park-Bewegung mit ihrem unglaublichen Potential an Solidarität, Kreativität und Mut. Hier entsteht eine neue Türkei. Eine neue Türkei in der es egal ist, ob jemand Türke oder Kurde ist, Mann oder Frau, Sunnit oder Alevit, überhaupt egal ob Christ, Jude, Moslem oder Atheist, in der es reicht, Mensch zu sein.

Dankeschön. Her yer Taksim, her yer direnis!
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Wenn die Oma plötzlich polnisch spricht. Migration und Seniorenbetreuung in Wels

Mit dem Fortschreiten ihrer Demenzerkrankung änderte sich so manches bei Frau Lehner[1]. Dass sie aber eines Tages statt breitem oberösterreichischen Dialekt nur mehr polnisch sprach kam dann schon überraschend. Die Recherchen der Enkel brachten die Lösung: Die Oma war zwar 1917 in Österreich-Ungarn geboren worden – aber als Angehörige der polnischsprachigen Minderheit in Galizien. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges heiratete sie einen Österreicher, dessen Land eben zu existieren aufgehört hatte, wurde somit Deutsche und schließlich war sie am Ende wieder Österreicherin, wie am Tag ihrer Geburt. Ein Menschenleben wie die Geschichte Mitteleuropas. Zum Vorschein kamen ihre Wurzeln allerdings erst durch ihre Alzheimer-Erkrankung. Diese hatte eine progrediente Verlaufsform, d. h. sie vergaß das später Erlernte zuerst und hatte das früh Erlernte länger im „Speicher“. So blieb polnisch über, als deutsch weg war.

Frau Lehner ist wie die überwiegende Mehrheit der BewohnerInnen der Häuser der Seniorenbetreuung nicht in Wels geboren. Sie kam der Liebe wegen in die Stadt, andere auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, nach Arbeit und Bildungschancen, viele auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Wir haben die Innviertler ArbeitsmigrantInnen der 1920er, die von den Nazis zwangsumgesiedelten Südtiroler „Optanten“ und Rumänien-Deutschen, die vertriebenen OsteuropäerInnen der Nachkriegswirren, die ungarischen Flüchtlinge von ´56, die „Boat People“ aus Kambodscha und Vietnam. Ein Meer an erlebter Geschichte und Geschichten, manchmal fast verschämt erzählt, als sei es etwas Unmoralisches, sein Leben verbessern oder schlicht retten zu wollen.

Die MigrantInnen aus Osteuropa, der Türkei und Jugoslawien, die ab den 1960ern als Arbeitskräfte angeworben wurden oder als Verfolgte aus ihren Heimatländern flohen, sind noch nicht in den Heimen angekommen. Zumindest nicht als BewohnerInnen – als Pflegepersonal sind sie unabkömmlich. In Wien haben bereits zwei Drittel des Pflegepersonals Migrationshintergrund, in Wels dürfte es etwa ein Drittel sein. Allein an der Stätte meines pflegerischen Wirkens – Vogelweide/Laahen – arbeite ich mit KollegInnen aus Kenia und Kirgisistan, aus der Türkei, Deutschland, der Ukraine, aus Ghana, Chile, China und allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Es ist also bereits ein gewaltiges Potential an Sprachkenntnissen und „interkultureller Kompetenz“ vorhanden. Und die werden wir in den nächsten Jahren wohl brauchen. Auch wenn viele Menschen ihren Lebensabend lieber in ihrer alten Heimat verbringen und wohl auch der familiäre Zusammenhalt im Schnitt höher ist als bei „Einheimischen“, wird der Anteil von Menschen insbesondere mit jugoslawischen oder türkischen Wurzeln in den Welser Heimen sicher ansteigen. Ein Grundwissen um z. B. orthodoxe und muslimische religiöse Traditionen und Riten wird daher bereits bei den meisten Berufsausbildungen im Pflegebereich vermittelt.

2015 wird einen neues Heim der Seniorenbetreuung in Lichtenegg-Noitzmühle eröffnet. An keinem anderen Ort in Wels und wahrscheinlich an wenig anderen Orten überhaupt in Österreich ließe sich die Migrationsgeschichte – und sogar ein gutes Stück Weltgeschichte! – besser veranschaulichen als hier. Im neuen Heim, das für viele die letzte Station auf ihrem Lebensweg sein wird, könnte Platz sein für ein kleines Museum der Flucht: Den Aufbruch, den Weg und die Ankunft. Ein Ort des Erinnerns für die Alten und des Lernens für die Jungen. Und wo die Oma wieder polnisch sprechen kann.

Thomas Rammerstorfer, aus Reizend Nr. 6


[1] Name geändert

Bunte, Braune, brave Bürger. Aktueller Rechtsextremismus in Wels

Der oberösterreichische Zentralraum stellt eine traditionell fruchtbare Region für deutschnationale und rechtsextreme Strömungen dar. Insbesondere Wels verfügt über historisch gewachsene Milieus.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde dieses Faktum bei den Gemeinderatswahlen 2009 bewusst, bei denen die FPÖ 29,9 % der Stimmen erreichte und die neonazistischen „Bunten“ eine Kandidatur versuchten. Letztere wäre wohl auch mit dem Einzug in den Gemeinderat belohnt worden, wäre der Wahlvorschlag nicht wegen offensichtlicher Verfassungswidrigkeit abgelehnt worden. Unter der Fuchtel des sich seit Jahrzehnten immer wieder betätigenden Ludwig Reinthaler hatten sich diverse rassistische Querulanten und rund 20 Angehörige der Vogelweider Skinhead-Szene zusammengetan. Seit Ende der 1980er Jahre existiert in diesem Stadtteil ein – behördlich unangetastetes – Milieu, das mal diese, mal jene Gruppe bildete: Rapid Club Wels, Patriotic Front, Club Wels, White Wolfes (sic!), die Bunten oder seit Neuestem ein unter dem Namen Road Crew Oberösterreich auftretender Zusammenschluss von Neonazis und Hooligans. Nachwuchs rekrutiert sich aus von Kriminalität, Gewalt sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch geprägten „White Trash“-Familien. Dementsprechend niveauvoll agiert man: So wünschte Jochen L., 2003 Kandidat der Welser FPÖ, im Jänner Bürgermeister Koits und das „Kanackengesindel“ „ins Kurhotel Ausschwitz“ (sic!). Getätigt wurde die Äußerung in der facebook-Gruppe „I mog Wels nimma!“. Frühpensionist Jochen L., dessen Schwester 2009 für die Bunten kandidieren wollte, entschuldigte seine Äußerung später damit, dass er unter Drogeneinfluss gestanden hatte. Hass und Gewalt prägen die Szene. 2011 wurde ein Noitzmühler Wirt Zufalls(-todes)opfer eines Rechtsextremen, des wegen seines Hitler-Tatoos bekannten Peter H. Im Sommer desselben Jahres forderten Übergriffe von Rechtsextremen zahlreiche z. T. Schwerletzte in der Innenstadt. Im Dezember 2012 wurden zwei sich küssende Männer von homophoben Schlägern schwer verletzt. Zu den Drohungen und Gewaltakten kommen immer wieder Schmier- und Pickerlaktionen.

Doch Rechtsextremismus ist bei weitem kein auf die Unterschicht beschränktes Phänomen. Auch in den höheren Schulen mehren sich Versuche, Jugendliche zu agitieren und zu organisieren. 2012 war hier insbesondere die NS-Splittergruppe „Heimatpartei Österreich“ (HPÖ) aktiv. Traditionell werden die Oberstufen von der Burschenschaft Gothia beackert. Der Männer- bzw. Bubenbund bietet deutschnationalen Freizeitspaß mit Fechten, Schießen und vor allem ausgiebigen Trinkgelagen.

Die Welser Freiheitlichen versuchen sich betont gemäßigt zu geben, um bürgerliche WählerInnenschichten nicht zu vergraulen. Doch nicht nur Hinterbänkler wie der erwähnte Jochen L., auch Vize-Bürgermeister Bernhard Wieser selbst hat offenbar ein durchaus ungezwungenes Verhältnis zur Braunzone. Er unterschrieb 2009 eine Unterstützungserklärung für die später verbotene Neonazi-Truppe Nationale Volkspartei. Selbst seine eigenen, und somit des Antifaschismus sicherlich unverdächtigen, ParteikollegInnen der FPÖ Enns bezeichneten die NVP als „braune Zecken“… Landesparteiobmann Haimbuchner aus Steinhaus, einst Schüler in Wels, ist ebenso gut vernetzt mit rechts außen. So ist er stellvertretender Vorsitzender des Witiko-Bundes, einer üblen revanchistischen Vereinigung. Der bisherige Obmann, Robert H., sitzt derzeit eine Haftstrafe wegen Waffen- und Kriegsmaterialschmuggel ab, ein für dieses Milieu nicht untypisches Delikt.

Faschistisches, rassistisches und antisemitisches Gedankengut sind aber nicht ausschließlich unter „Einheimischen“ kursierende Phänomene. Bei subkulturellen Neonazis und der FPÖ tummeln sich durchaus auch Menschen mit z. B. kroatischem oder ungarischem Migrationshintergrund. Man findet sich im autoritären Denken und dem gemeinsamen Hass auf den Islam. Unter den MuslimInnen wiederum existieren Splittergruppen, die rabiaten Antisemitismus verbreiten, oder faschistische Gruppen wie die türkischen „Graue Wölfe“. Antisemitische Tendenzen und Weltverschwörungstheorien finden sich auch in der Esoterik-Szene.

Der klassische Nazi-Skinhead ist ein Auslaufmodell, die letzten alten Nazis bald gestorben. Antidemokratischer Extremismus und rechte Gesinnung haben heute neue Gesichter. Dementsprechend muss ein moderner Antifaschismus vielfältige Aufklärungsarbeiten leisten: Wir dürfen einerseits nichts vergessen, müssen aber auch in der Lage sein, Neues zu lernen.

aus Stadtplanet Wels, Nr. 15

Zur historischen Entwicklung des Rechtsextremismus in Wels:
http://kvinfoladenwels.wordpress.com/2011/12/06/rechtsextremismus-und-neonazismus-in-wels/

Thomas Rammerstorfer, geb. 1976, aktiv beim Infoladen Wels, der Liga für emanzipatorische Entwicklungzusammenarbeit und Vorstandsmitglied der Welser Initiative gegen Faschismus. Recherchiert zu Migration, Integration, österreichischem und türkischem Rechtsextremismus und Jugendkulturen; zahlreiche Vorträge und Artikel dazu. Mitarbeiter im Rechercheteam von Corinna Milborn für das Buch „Gestürmte Festung Europa“ (2006), Mit-Autor von „Grauer Wolf im Schafspelz“ (2012)

Jihad, Thor Steinar, Frauen- und Schwulenhass: Fler-Album Nr. 5 in Österreich

Am 3. Mai 2013 ist des deutschen Rappers Fler`s Album „Blaues Blut“ in die österreichischen Charts eingestiegen. Platz 5, gerade einen Rang vor der wieder aufgewärmten „Feinde deiner Feinde“ – Suppe der Frei.Wild. Auf you tube schlägt er diese um Längen: Innert 5 Tagen wurde das erste Video, „Echte Männer“, fast 200 000 Mal abgerufen. Und auch inhaltlich hat es der Track in sich. Fler singt ein Loblied auf alles was er für „hart“ hält. Als Statisten stehen die Hells Angels im Video rum; für die in der Naziszene beliebte Kleidermarke „Thor Steinar“ wird unverschämt product placement betrieben. Weitere – mutmaßlich echte – Männer unterstützen Fler reimend. Neben Silla wäre da G-Hot, der sich nun Jihad nennt… klingt doch gleich härter, oder? G-Hot/Jihad gelang es schon 2007 für Öffentlichkeit zu sorgen, weniger ob seiner unbeholfenen Reimkunst, sondern wegen einer in dieser vorgetragenen Hass- und Vernichtungswunschorgie gegen Homosexuelle namens „Keine Toleranz“. Die ging so:

„Wir dulden keine Schwuchteln! Vertreibt sie aus dem Land! Raus!!! (…) Verpisst euch Ihr Hurensöhne!! Gott schuf Adam und Eva, nicht Adam und Peter. Ich glaube fest daran und das war auch kein Fehler! Was ist geschehen? Ihr lasst euch von Schwulen regieren, was soll noch kommen, was soll in Zukunft passieren? Männerehen; und Schwuchteln die Mädchen erziehen, meiner Meinung hat so was kein Leben verdient. Man sollte Schwule in den Medien verbieten. Aus meiner Gegend wird diese Szene vertrieben. Ihr seid der Grund warum die Väter aussterben, falsch gepolt und steht wie Mädchen auf Pferde. Eine Schande für den Mann, in den Po gefickt. Deine Eltern schämen sich dass du ein Homo bist. Ich geh mit 10 MGs zum CSD und kämpf für die Heten die auf Mädchen stehen. Seid wie ein Mann und zeigt dass ihr keine Toleranz habt, haltet zusammen und schneidet denen den Schwanz ab.“

Der Typ ist also nachgerade prädestiniert für eine Zusammenarbeit mit Fler. In diesem Sinne geht es auch in ihrem aktuellen „Echte Männer“-Track zur Sache:

„Ich bin (…) ein Nichtsnutz, der deiner Freundin morgens Whiskey ins Gesicht spuckt. Maskulin, Dominanz, dicke Eier, harter Schwanz. Ich behandle deine Frau wie Scheiße jeden Tag (…) DNA reinrassig, ihr ganzen schwulen Rapper seit zweitklassig.“ Und so weiter, und so fort.

So nebenbei: Das erste Video von „Blaues Blut“ namens „Pheromone“ wurde in Wien von Nazar gedreht, einem Rapper, der dieser Tage mit dem höchsten österreichischen Musikpreis, dem „Amadeus“ ausgezeichnet wurde. Neben der normalen Version drehte der zeitweise ORF-Mitarbeiter („Blockstars“) eine Porno-Version für einschlägige Internet-Portale. Auch der gute alte Jihad war wieder mit von der Partie.

Warum ich über den Müll schreibe? Es gilt schon, zu zeigen, dass das Problem rechter Jugendkulturen sich nicht in Frei.Wild und ein paar Skinheads erschöpft. Bei weitem nicht. Wir sind konfrontiert mit einer Flut musikalischer „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeiten“. Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, national-konservatives Geschwafel und dergleichen sind in vielen Szenen verbreitet und akzeptiert. Die antifaschistischen, demokratischen und humanistische gesonnenen Menschen müssen sich diesen Problem in seiner Gesamtheit stellen; und eben genau das passiert oft nicht, wenn alle glauben, mit dem einen oder anderen abgedrehten Konzert sei die Welt in wieder im Lot.

Thomas Rammerstorfer

7. Mai 2013: BRAUNTÖNE UND ZWISCHENTÖNE

 

Wie viel Einfluss hat rechte Musik auf Jugendkultur? In den vergangenen Jahren hat die rechtsextreme und neonazistische Szene verstärkt auf Musik gesetzt. Konzerte, Lieder und Festivals dienen als Mittel zur Rekrutierung und dazu, ein Milieu für rechte Ideologien zu schaffen. Diese Veranstaltung setzt sich mit der Frage des Einflusses auf Jugendkultur von rechten, ideologischen Merkmalen wie identitär, nationalistisch, völkisch bis neonazistisch auseinander. Im Rahmen der Veranstaltung wird auch auf die Band Frei.Wild eingegangen werden, die in den vergangenen Wochen im Mittelpunkt antifaschistischer Diskussion stand.

 

 

Referent: Thomas Rammerstorfer

rechtsrock

24. April 2013: „Brauntöne“-Vortrag in Salzburg

Müllnerhauptstraße 11b, 5020 Salzburg
Veranstalter:

Rechtsextremismus ist zur größten Jugendbewegung geworden – auch und gerade in Österreich. „Rechts sein“ ist in und längst beschränken sich faschistoide Ideen und Sprüche nicht mehr auf Unterschicht-Millieus. Wichtigstes Propagandamittel ist Musik: „Primär ist es die Musik die den Weg in die rechtsextreme Szene ebnet“ hat der Verfassungsschutz richtig erkannt – freilich ohne bis dato irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen. So konnten und können braune Bands und Barden in den vergangenen Jahren in Österreich oft ohne Probleme auftreten.

Thomas Rammerstorfer lädt ein zu einer Geisterbahnfahrt in die musikalischen Abgründe der braunen Rattenfänger, deren Repertoire sich längst vom Skinhead-Rock in fast jede denkbare Musikrichtung erweitert hat – vom Nazi-Metal, Hate Core, Dark Wave bis hin zu Techno, Hip Hop und Schlager-/Schunkellieder. Nicht ohne Auswirkungen auf den Mainstream, wo rechtskonservative Ideen von Bands wie Frei.Wild verbreitet werden.

Der Bild- und Tonvortrag lief bereits über 50 mal in Österreich und Deutschland.

Thomas Rammerstorfer, geb. 1976, aktiv beim Infoladen Wels, der Liga für emanzipatorische Entwicklungzusammenarbeit und Vorstandsmitglied der Welser Initiative gegen Faschismus. Recherchiert zu Migration, Integration, österreichischem und türkischem Rechtsextremismus und Jugendkulturen; zahlreiche Vorträge und Artikel dazu. Mitarbeiter im Rechercheteam von Corinna Milborn für das Buch „Gestürmte Festung Europa“ (2006), Mit-Autor von „Grauer Wolf im Schafspelz“ (2012)

Weitere Termine:

7. Mai: Graz

10. Mai: Kufstein